KULTUR | Universität Mozarteum – „LA CRITICA“ / „RADAMES“

Kritik im MERKER-ONLINE von Gottfried Franz Kasparek  

Oft sind es die kleinen Dinge, die erfreuen, wie zum Beispiel ein erfrischender Kammeropern-Abend auf der Probebühne der Universität Mozarteum. Zwei Einakter, gute 200 Jahre voneinander getrennt, welche Opernproben persiflieren. 

Zunächst „La critica“, anno 1766 in Stuttgart vom „italienischen Gluck“ Niccolò Jommelli auf die Bühne gebracht. Der heute unterschätzte, sehr innovative Maestro der Opera seria konnte auch mitreißende Buffo-Opern schreiben, in denen er wie in dieser die beiden Formen verschränkte, oft mit rhythmischem Furor und größter Kunstfertigkeit. Denn es ist, ähnlich wie später in Donizettis „Viva la Mamma“, eine „Seria“, die da geprobt werden soll. Aber es mangelt an einem Souffleur, also wird versucht, einzelne Nummern zu proben. Dabei entstehen Streitereien mit dem aufgeblasenen Librettisten. Die wahren Beherrscher der Szene sind die Primadonna und ihr in Maßen folgsamer Geliebter, der „Primo uomo“. Wäre da nicht eine nymphomanisch veranlagte „zweite Sängerin“, die allen Männern auf der Bühne die Köpfe verdreht, reihum und mitunter gleichzeitig. Unversehens wird dieses Kind von keinerlei Traurigkeit zum Drehpunkt eines ins Absurde treibenden Karussells der sexuellen Triebe, die für Liebe gehalten werden. Christian Poewe hat das sehr musikalisch, burlesk und mitreißend sinnlich inszeniert – das Stück ist auch eine Liebeserklärung ans Theater, bekanntlich ein Institut für Nervenkranke, und die Oper, die Abteilung für die Unheilbaren, also kurzum ein Abbild des ach so normalen Lebens. Jommelli und sein kongenialer Librettist Gaetano Martinelli haben zudem eine tolle Satire auf die oft schwülstigen Operntexte ihrer Zeit geschaffen. Die jungen Sängerinnen und Sänger sind allesamt mit Herz, Temperament und frischen Stimmen bei der Sache. Im Zentrum stehen die rivalisierenden Damen (Dares Hutawattana als „seconda Donna“ mit liebreizendem Sex Appeal,  Seung Hyun Kim als herrlich zickige Primadonna, Regina Koncz als sich ganz schön entpuppendes Mauerblümchen), um welche der Komponist (mit jugendlicher Leidenschaft und zielsicherem Buffotenor Sascha Zarrabi), der Librettist (eine Hosenrolle, mit androgynem Reiz Maria Calderon), der tollpatschige Tenorlyriker (stimmlich aufhorchen lassend Dagur Thorgrimsson) und der sich mit viel Bier tröstende Bariton (Máté Herczeg) kreisen.

Nach der Pause „Radames“ von Peter Eötvös. Schon 1976 zeichnete sich die prekäre Einsparungswelle am Theater ab. Ein Countertenor muss Aida und Radames gleichzeitig singen, das Orchester ist auf drei Instrumente -  Klarinette, Horn, Tuba – geschrumpft. Nicht mehr die Primadonnen herrschen, sondern die Regisseure. Gleich drei davon traktieren in drei Sprachen mehr schreiend als singend den armen Sänger (grandios zwischen den Geschlechtern singend und agierend: Tolga Siner) – ein hysterischer englischer Filmemacher (Jakob Hoffmann), eine in Verdis Partitur verliebte italienische Opernregisseurin (Regina Koncz), ein von der Gedanken Blässe angekränkelter Deutscher (Sascha Zarrabi). Eötvös hat atonale Flächen geschickt mit Verdi-Partikeln vermischt, vor allem ist es eine deftige Groteske mit bitterbösem Hintersinn, die da abläuft. Am Ende ist der Sänger tot und muss zum Schlussapplaus wieder erweckt werden. Regisseur Christian Poewe hat auch in dieser Farce ganze Arbeit geleistet. Das Lachen bleibt einem oft im Halse stecken. - Die Requisiten und Kostüme sind treffsicher und bunt aus dem Fundus. Die musikalische Seele des Ganzen ist einmal mehr der perfekte Opernkapellmeister und Opernlehrer Kai Röhrig, der ein mit  Animo spielendes 16-köpfiges Kammerorchester bei Jommelli und vom Clavichord aus das Terzett bei Eötvös leitet und ebenso sensible Klänge ganz unterschiedlicher Art erzeugt, wie er mit dem Ensemble auf der Bühne atmen kann. Leider nur in der vom Rezensenten besuchten Generalprobe und in zwei Aufführungen – damit sollte man auf Tournee gehen!