KULTUR | KARL HARB 21. Jänner 2020 11:53 Uhr 23.01.2020

"Owen Wingrave" in der Universität Mozarteum: Kriegsanklage als packender Opernthriller

Benjamin Brittens Kammeroper "Owen Wingrave" wird dank rollenspezifischer Sängerbesetzung, passgenauer Regie und Brillanz im Orchestergaben zum vollen Erfolg.

 

So "einfach" geht packendes Musiktheater, mit so schlichten Mitteln gelingt eine herausragende Aufführung. Benjamin Brittens zweiaktige, 1971 für die BBC produzierte und 1973 an Covent Garden in London uraufgeführte Oper "Owen Wingrave" hat einen wirkungsvollen Plot: Der junge Owen weigert sich, seine Ausbildung zum Militär zu machen, weil er jeglichen Krieg verabscheut. Das aber stößt bei seiner Familie, die seit Generationen Soldaten hervorgebracht hat, auf erbittertes Unverständnis. Der Weg in die Katastrophe, im Leben wie in der Liebe, ist unaufhaltsam - auch wenn für das letale Ende noch eine etwas metaphysische Spukgeschichten-Ebene eingezogen wird. Der glühende Pazifist Britten aber legt in die Geschichte, die Myfanwy Piper nach einer Kurzgeschichte von Henry James zu einem Thriller-Libretto umgearbeitet hat, die insistierende Kraft einer bewegenden, jederzeit narrativen, aber nie nur illustrierenden Bekenntnismusik.

Das Kammerorchester der Universität Mozarteum, das die Studioproduktion der Opernabteilung famos stützt und trägt, spielt unter der Leitung von Gernot Sahler wie auf der Stuhlkante: brillant in jederzeit transparenter Klangfülle und phänomenalen, vor allem bläserischen Details, hellwach in der Reaktionsgenauigkeit und Korrespondenz zwischen Graben und Bühne, leidenschaftlich und präsent - auch im Orchester spielt sich ein Thriller ab.

Effektvoll und effektiv zugleich ist auch die passgenaue, hochpräzise gearbeitete Inszenierung von Alexander von Pfeil: ohne deutenden Überdruck, immer klar an der Entwicklung und Erzählung der Geschichte orientiert, in einem einfachen, von schwarzen Wänden gleichsam ausweglos eingefassten Raum (Yvonne Schäfer) und das einschnürende Standesbewusstsein charakterisierenden Kostümen (Michael Hofer-Lenz). So bleibt man als Zuhörer und Zuschauer 100 pausenlose Minuten gebannt, quasi selbst gefangen in diesem Gefängnis der unausgelebten, unterdrückten Gefühle, in die Brittens Musik gnadenlos, aber in jedem Moment mit liebender Schärfe leuchtet.

Gewiss könnte man sich etwa bei dem koreanischen Bariton Taesung Kim in der Titelrolle der Premierenbesetzung von Montag noch größere stimmliche Flexibilität wünschen (und von allen im neunköpfigen Ensemble bessere sprachliche Artikulation), aber das Material, das der Sänger vorführt, ist durchaus imposant. Wie überhaupt jede Rolle spezifisch besetzt und gearbeitet ist: mit Xiaofei Liu und Veronika Loy als dem um Verständnis werbenden Ausbildner-Ehepaar, mit den unerbittlichen Wingraves ("General" Yu Hsuan Cheng und "Tante" Julia Heiler), mit Mutter Julian (Chelsea Kolic) und Tochter Kate (Vera Bitter), die sich durch die Beziehung zu Owen gesellschaftlichen Aufstieg erhoffen, mit dem Kommilitonen Lechmere (Johannes Hubmers feiner Tenor fällt besonders auf) und dem SpukErzähler (Richard Glöckner). Das gemeinsame Wollen macht auch einzelne Unterschiede bestens wett. Aus dem Off hat auch noch der Kinderchor der Festspiele und des Landestheaters einen atmosphärischen Einsatz.

Und wieder bedauert man, dass die Produktion nur noch heute, Dienstag, sowie Mittwoch (mit Livestream ab 19 Uhr) und Donnerstag im Großen Studio (das jetzt Max Schlereth Saal heißt) zu sehen ist.

Oper: "Owen Wingrave" von Benjamin Britten. Kunstuniversität Mozarteum, Salzburg, weitere Aufführungen am 22., 23. und 24.1., jeweils 19.00 Uhr