(c) Boesmans

 

Philippe Boesmans

Der Komponist Philippe Boesmans, 1936 im südbelgischen Tongern (flämisch Tongeren) geboren, trat mit 16 Jahren in das Conservatoire de musique von Lüttich ein, wo er 1957 den 1. Preis im Fach Klavier erhielt. Anschließend setzte er seine Studien bei Stefan Askenase fort, der ihm von einer Virtuosenlaufbahn abriet. Boesmans eignete sich seine Kompositionskenntnisse autodidaktisch an und erhielt Unterstützung durch die Begegnung mir Komponisten wie Célestin Deliège, Pierre Froidebise, André Souris und Henri Pousseur. Außerdem besuchte er einige der Kurse in Darmstadt. 1961 wurde er Assistent, später Sendeleiter beim Belgischen Rundfunk (RTBF). Als Pianist spielte er in Konzerten des Ensembles Musique nouvelle, das mehrere seiner Werke uraufführte. Ein Einschnitt erfolgte im Jahr 1965, als Boesmans politisch Stellung bezog (Eintritt in die kommunistische Partei) und sich ernsthaft der Kompositionstätigkeit zuwandte. 1971 erhielt er für sein Werk Upon La-Mi den Prix Italia und erregte die Aufmerksamkeit eines internationalen Publikums. Hierdurch angespornt, intensivierte sich sein Schaffen während der 1970er Jahre. Seither werden seine Werke bei den wichtigsten Festspielen zeitgenössischer Musik aufgeführt (Darmstadt, Warschau, Brüssel, Royan, Metz, Avignon, Zagreb, Montreal, Paris u. a.). 1971 wurde Boesmans Produzent des RTBF in Lüttich und gründete gemeinsam mit Pousseur das Centre de recherches musicales de Wallonie. Seit 1981 begann er, mit dem Brüsseler Théâtre Royal de la Monnaie zusammenzuarbeiten, wo Gerard Mortier, dann Bernard Foccroulle, ihn mit der Komposition von Bühnenwerken beauftragten. Seit 1985 ist er Hauskomponist des Opernhauses. Eine kurze Zeit lang unterrichtete Boesmans auch Klavier und Komposition am Lütticher Conservatoire. Er förderte zahlreiche belgische und ausländische Künstler der jüngeren Generation.

Boesmans, der zunächst stark vom Serialismus beeinflusst war, nahm bald den aus der seriellen Musik hervorgegangenen Kompositionssystemen gegenüber eine kritische Haltung ein. In seiner klar durchstrukturierten Musik führte er Konsonanzen, melodische Elemente, periodische Rhythmen und anderes traditionelles Material wieder ein. Die Kunstfertigkeit des musikalischen Satzes und der vom deutschen Expressionismus weit entfernte Hedonismus sind Pierre Boulez und – durch den spielerischen und gelegentlich provokativen Aspekt von Boesmans’ Musik – auch Luciano Berio verwandt. Viele Stücke sind geprägt durch das Spiel um Konsonanzen, Noten oder Intervalle und entwickeln durch Anspielungen oder Täuschungen eine Ästhetik, die treffend als „trompe l’oreille“ bezeichnet wurde.

Häufig konzentriert sich ein Werk auf ein bestimmtes musikalisch auszulotendes Feld: gegensätzliche oder komplementäre Einsätze der Klaviere (Fanfare I), Aufspaltung einer vorher bestehenden modalen Polyphonie, hier das Kyrie der Messe von Machaut (Fanfare II), unterschiedliche Arten der Doppelung, insbesondere Echo und ‚Prä‘-Echo (Doublures), das Nebeneinander von Chromatik und Diatonik (Élément/Extensions), das Verhältnis zwischen ‚Spiegel und Phantom‘ in Multiples, wo zwei Soloklaviere und ein weiteres, im Orchester ‚verstecktes‘ Klavier eingesetzt werden, Beschäftigung mit Geschichte und Wiederbelebung alter Gattungen (z. B. durch den ‚heroischen‘ Stil der beiden Konzerte) usw. Auch die Bühnenwerke zeigen dieses Verhältnis von Experiment und Mehrdeutigkeit: Attitudes präsentiert in 22 Darstellungen dasselbe Ereignis (eine Frau überquert einen Platz und verliert ein Taschentuch); La Passion de Gilles handelt von Johanna von Orléans und Gilles de Ray und spielt mit den Konventionen der großen romantischen Oper; L’incoronazione di Poppea erklingt auf einem aus einigen barocken Instrumenten und einem Ensemble zeitgenössischer Musik bestehenden Klangkörper in einem zugleich dialektischen und parodistischen Zusammenspiel. In seinen späteren Werken entwickelte Boesmans, ohne auf die charakteristische Anmut und Leichtigkeit seiner Musik zu verzichten, eine größere Sicherheit in der Behandlung von Harmonik und Tempo.

(nach MGG2, Fernand Leclercq)

Philippe Boesmans’ Opern:

La Passion de Gilles (1983)

Reigen (1993); Libretto von Luc Bondy nach dem gleichnamigen Drama von Arthur Schnitzler

Wintermärchen (1999); Libretto von Luc Bondy und Marie-Louise Bischofberger nach dem Stück The Winter’s Tale von William Shakespeare

Julie (2005); Libretto von Luc Bondy und Marie-Louise Bischofberger nach dem Stück Froken Julie von August Strindberg

Yvonne, princesse de Bourgogne (2009); Libretto von Luc Bondy und Marie-Louise Bischofberger nach dem Stück Iwona Księżniczka Burgunda (Yvonne, die Burgunderprinzessin) von Witold Gombrowicz

Orchestrierung von Claudio Monteverdis Oper L’incoronazione di Poppea für moderne Instrumente

Au monde (2014). Libretto von Joël Pommerat nach seinem gleichnamigen Stück

Pinocchio (2017). Libretto von Joël Pommerat nach Carlo Collodi